Gedanken in der Zeit der Strenge

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Engel der Aufmunterung

1. Es gibt etwas Trost in dieser strengen Zeit, finde ich. Es ist nicht immer ein leichter Trost. Aber es sind auch schlimme, sogar außergewöhnlich schlimme Zeiten. Keine und keiner von uns hat jemals so etwas erlebt. Wir müssen äußerst streng sein, gerade mit uns selbst. Wir hören aus anderen Ländern, welche Qualen der Seele Angehörige und Trauernde durchleben müssen. Das ist schlimm. Auch für unsere Seelen.
Aber einen kleinen Trost gibt es doch, finde ich. Und der heißt: Niemand muss jetzt stark sein. Niemand muss so tun, als ob. Wir dürfen alle hilflos sein, ratlos – sogar schwach. Kein anderer Mensch kann von uns noch erwarten, dass wir immer alles können und alles regeln oder schaffen und immer einen guten Plan auf Lager haben.
Wir wissen einfach nicht. Wir leben von heute auf morgen und müssen nicht stark sein, auch nicht überlegen.

2. Das ist tröstlich, finde ich. Auch weil es uns allen so geht. Manche schauen sich scheu an, lächeln, drehen sich wieder weg und gehen auf Abstand – als wollten sie uns sagen: Ich weiß es doch auch nicht; aber ich muss ja …
Wie lange geht das noch?, fragen sich alle. Was müssen wir noch aushalten? Haben wir genug Strenge gegenüber anderen, den Kindern, den Alten – und vor allem gegenüber uns selbst? Wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen – niemand weiß es. Wir sind zu einer Gemeinschaft aus Hilflosen und Ratlosen geworden. So nehmen wir uns an die Hand, bildlich gesprochen. Wie in Zeiten der Engel.

3. Engel sind jetzt Aufmunterer. Engel in diesen Tagen sind die, die aufmuntern können – meistens leise, fast scheu, aber immer irgendwie verschmitzt.
Wie die alte Frau im Supermarkt vor ein paar Tagen. Alle, die einkaufen, stehen in gehörigem Abstand voneinander vor der Kasse. Die Kassiererin selber ist geschützt. Da sagt die alte Frau plötzlich, hörbar seufzend: Jetzt bin ich doch schon so alt geworden – und trage dieses Ding hier vor Mund und Nase. Sie meint ihren Mundschutz und zeigt auch mit ihrer Hand darauf, die sie mit einem Handschuh geschützt hat. Als sich dann alle zu ihr umdrehen, sagt sie: Und wisst Ihr was? Ich will noch älter werden; und Ihr alle mit mir. Ein Lachen der Erleichterung geht durch die Reihe. Alle sind aufgemuntert von diesem Engel. Ach Gott, scheinen da alle zu denken – und auch wir seufzen still:

Ach Gott, den wir so oft nicht verstehen:
Mögest Du uns doch mehr von diesen Engeln schicken,
die ein munteres Herz haben und andere aufmuntern können.

Michael Becker
mbecker@buhv.de