Die Karwoche der Welt - Ansprache v. 06. April 2020


Ich bedenke den tiefen Sinn des Bildes und überlege dann, welches Verhalten für uns angemessen sein sollte.

1. Auf dem Bild erkennen wir, dass es stark regnet. Der Platz ist dunkel und leer. In der Mitte ist eine kleine, überdachte Bühne aufgebaut. Darauf steht ein Mensch, weiß gekleidet; verdeckt hinter ihm ein Mensch in schwarz. Der Mensch in Weiß, Papst Franziskus, hält eine Ansprache und erteilt den Segen „Urbi et Orbi“ – Segen für die Stadt Rom und für die Welt.
So geschah es vor zehn Tagen auf dem Petersplatz in Rom. Ein Papst spricht nicht für alle Christen der Welt. Dennoch war und bleibt es ein großer und heller Moment in einer dunklen Zeit. Im Namen Gottes segnet Franziskus die kranke Welt – und bittet um Heilung.

2. Heilung haben wir, wie wir jeden Tag klarer sehen, dringend nötig. Die Welt ist schwer krank. Es gibt kein Land und kaum einen Landstrich auf Erden, in dem Menschen sich nicht fürchten vor dem, was ist und was noch kommen könnte – für sie persönlich oder für ihre Angehörigen und Freunde. Wie erstarrt schauen viele täglich auf die Zahl der Erkrankten und die Zahl der Gestorbenen. In vielen Ländern sind würdige Bestattungen der Toten nicht mehr möglich. Manche Wissenschaftler sagen, wir seien erst am Beginn der weltweiten Ansteckungsgefahr.
Die Welt erlebt eine Karwoche; eine Schmerzenswoche, wie sie bisher unvorstellbar war. Franziskus tut, was ihm möglich ist: Er segnet die kranke Welt. Und hofft, im Namen Gottes, auf Heilung für die Karwoche der Welt. Er segnet und bittet um ein Ende der körperlichen Schmerzen und des seelischen Leids.

3. Was kann man sonst tun, außer beten und um Segen bitten? Davon erzählt der Roman „Die Pest“ von Albert Camus (1913 – 1960), zuerst erschienen 1947. Darin wird von einem Arzt erzählt, der nicht aufgibt, immer weiter arbeitet, Kranken hilft, Sterbenden Trost spendet. Das ist kein Heldentum, sagt er; es handelt sich einfach um Anstand … Die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, ist der Anstand.“

Das lese ich mit Bewunderung. Ich erkenne, dass auch die Karwoche Jesu seine Woche des Anstands und der Haltung war. Er hat sich nicht hinreißen lassen – weder zu bösen Worten noch zu Gewalt. Wem er helfen konnte, denen half er – mit seinem frommen Anstand. Jesus hat angenommen, was er nicht ändern konnte. Und er hat die Nähe Gottes gesucht, in dessen Händen er seinen Geist gut aufgehoben wusste.
Das ist ein wertvoller Hinweis für die Stille Woche, für die Karwoche der Welt. Stehen wir einander bei, so gut wir es können; üben wir uns in Anstand. Und hoffen wir, wie Jesus, in aller Dunkelheit auf Gott, dessen Erbarmen wir so nötig haben:

*Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand,
die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.*

Michael Becker
mbecker@buhv.de
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