Die Glocken der Kath. Kirche Stephanus

Relief aus Gusseisen am Haupteingang der Pfarrkirche/ Entwurf Alwin Halfmann

Der Rheinhöhenort Niederburg, um das 8. oder 9. Jahrhundert als Gründung von Oberwesel entstanden, wurde erstmals 1286 als Nyderinberc erwähnt.

Die damaligen Bewohner, Köhler, Bauern und Handwerker, besaßen nachweislich bereits im Jahre 1309 eine Kirche. Der Trierer Erzbischof und Kurfürst Werner III. von Falkenstein erhob diese1386 zur Pfarrkirche.

Die Pfarrkirche St. Stephanus in Niederburg darf sich rühmen, im Besitz ehrwürdig alter Glocken zu sein. So läuten im Niederburger Kirchturm noch tagtäglich die zu den ältesten zählenden Glocken des für seine Kunst berühmten Glockengießermeisters Tylman von Hachenburg. Er wirkte nachweislich von 1444 bis 1486.

Die beiden größten Niederburger Glocken stammen aus dem Jahre 1477. Ihrer berühmten Herkunft und ihres hohen Alters wegen stehen sie unter Denkmalschutz. Dies war mit Sicherheit mit ein Grund, dass sie über mehrere Kriege hinweg immer wieder gerettet werden konnten.

Glocken sind faszinierende Musikinstrumente. Als Ursprungsland der Glocke dürfen wir China annehmen, bereits vor 4000 Jahren wurden dort schon Glocken erwähnt.

Ihre Bedeutung, vor allem für das Christentum, ließ sie aus Kriegen und Revolutionen immer wieder gestärkt hervorgehen. Kaiser und Fürsten ließen sich vom Läuten der Glocken wecken.

Die größte Niederburger Glocke ist die Marienglocke. Sie ist 20 Zentner schwer, abgestimmt auf den Ton e’. Versehen mit Spruchinschriften und Datumsvermerk. Mit einzeiliger Schulterumschrift zwischen Rundstegen, darüber und darunter ein umlaufender Rundbogenfries mit ausgelegtem Maßwerk und traubenförmig abhängenden Ornamenten. Weiter befindet sich auf der Flanke ein dreiteiliges Pilgerzeichen der Aachener Marienwallfahrt, gegenüber von diesem ein halbfigürliches Relief der Muttergottes mit Kind und giebelförmigen Rahmen. Tylman schöpfte bei der Wahl der Glockenzier und des Textes aus einem bestimmten Repertoire, doch sind das erwähnte Muttergottesrelief sowie eine Doppeldatierung nur auf dieser Niederburger Glocke nachweisbar.


Stephanusglocke: (700 kg, Ton fis) Sie ist dem Niederburger Kirchenpatron, dem hl. Stephanus, geweiht.

Glocke mit Spruchinschriften und Datumsvermerk. Ebenfalls mit einzeiliger Schulterumschrift (A) zwischen Rundstegen, darüber und darunter ein umlaufender Rundbogenfries mit traubenförmig abhängenden Ornamenten. Darunter ist auf der Flanke eine kleine Münze angebracht (es handelt sich um den Abdruck eines Straßburger Lilienpfennigs des 14. Jahrhunderts), unter dieser das mit der Namensinschrift (B) bezeichnete Pilgerzeichen von St.-Jousse-sur-Mer (Stehender Heiliger in Pilgertracht, in der Rechten den Stab, in der Linken Buchbeutel und Rosenkranz). Rechts neben diesem ein mit der Namensinschrift © bezeichnetes Pilgerzeichen der Neußer Quirinus – Wallfahrt. Neußer Stadtwappen.

Die Marienanrufung (Marienglocke) ist auf vielen von Tylman gegossenen Glocken zu finden, auch das Neußer Wappen. Das Pilgerzeichen auf der Stephansglocke – es handelt sich um den hl. Jodokus – ist das einzig bekannte Exemplar. Es erinnert an die im Spätmittelalter beliebte Wallfahrt zum nordfranzösischen Benediktinerkloster St.-Josse-sur-Mer. Seine Anbringung erinnert auch an die Jodokus – Verehrung in der 2. Hälfte des 15. Jh. am Mittelrhein.

Zwei weitere Glocken aus den Jahren 1718 und 1892 wurden von der Kriegsrüstung 1917 eingezogen und erst 1954 wieder ersetzt. Die 683 kg schwere Glocke wurde dem hl. Joseph, die 480-kg-Glocke – auf Niederburgs 2. Kirchenpatron, dem hl. Laurentius – geweiht. Beide aus Bronze gegossenen Glocken stammen von der bekannten Glockengießerei der Firma Mabilon & Co. aus Saarburg und sind mit folgenden Inschriften versehen:

Im 15. Jahrhundert, der Entstehungszeit der Niederburger Glocken, war es üblich, dass die Glockengießer von Dorf zu Dorf zogen. Wegen schlechter Wege und beschwerlichen Transportes goss man die Glocken meist an Ort und Stelle, oft in unmittelbarer Nähe der Kirche. Es ist daher anzunehmen, dass dies auch in Niederburg so gewesen ist. Das verwendete Material war in der Regel eine Kupferlegierung, ca.76 – 80 % Kupfer und 20 – 24 % Zinn.

Die hohe Kunst des Glockengießens bestand in der exakten Herstellung des Haupttones mit seinen Nebentönen sowie der Obertöne. Die Beschreibung eines Glockengusses ist schon
Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ meisterhaft gelungen. „Nehmet Holz vom Fichtenstamme, doch recht trocken lasst es sein, dass die eingepresste Flamme schlage zu dem Schwalch hinein. Kocht des Kupfers Brei, schnell das Zinn herbei, dass die zähe Glockenspeise fließe nach der rechten Weise.“

Glockengeläute werden nach ihrer Zusammenstellung eingeteilt:
a) harmonisch, das sind die Dur – oder Moll Akkorde (z.B. c, e + g)
b) melodisch, dies sind Töne in diatonischer Tonfolge (z.B. e, f, g + a)
c) harmonisch – melodisch gemischt (z.B. c, e, g + a)

Die melodischen Geläute – wie das der Niederburger Pfarrkirche – sind besonders klangvoll. Die hier erklingende Tonfolge e, f, g, a findet man in vielen Kirchenliedern wieder, so u.a. in: „Ich bete an die Macht der Liebe“.

Vergleichbar mit der menschlichen Zunge ist für die Glocke der Klöppel. Es kommt viel darauf an, dass die Schwere der Klöppel mit den Glocken und ihrem Gewicht in einer angemessenen Proportion stehen. Der Klöppel muss, dort wo er anschlägt, ganz glatt geschmiedet und gefeilt sein. Er muss auch die richtige Rundung haben, sonst bekommt auch die beste Glocke bald eine schädliche Vertiefung.

Bis in die 70er Jahre wurden auch in Niederburg die Glocken mittels Seile per Hand geläutet. Der heute übliche Einbau elektrischer Läutewerke verleiht den Glocken einen besseren, weil gleichmäßigeren Anschlag.

Durch das Glockenläuten erinnert die Kirche ihre Gläubigen zur Teilnahme am lebendigen Christentum. Vom Geläute der Glocken wird der Christ begleitet von der Wiege bis zum Grabe, von der Taufe („Denn mit der Freude Feierstunde begrüßt sie das geliebte Kind auf seines Lebens erstem Gang.”) bis zur Totenfeier („Von dem Dome schwer und bang tönt der Glocke Grabgesang. Ernst begleiten ihre Trauerschläge einen Wandrer auf dem letzten Wege.“).

Glocken gehören zur Kirche wie die Stimme zum Menschen. Sie haben in schweren Zeiten auch oft zum Kriege gerufen, haben Siege verkündet und auch immer wieder den Frieden eingeläutet. Auch Schillers “Lied der Glocke“ endet: „Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.”

Zeiten der Intoleranz, wo man Glocken für Kanonen opferte, dürften hoffentlich der Vergangenheit angehören.

Und ausgerechnet Napoleon Bonaparte, der wie kein anderer vor und nach ihm Glocken zu Kanonen umgießen ließ, war ein glühender Verehrer der Glocke. Auf seinen Feldzügen ließ er eine ganze Armee stillstehen, nur um dem Geläute einer Glocke zu lauschen. Und noch aus Elba schrieb er an einen Freund, dass er sich mit der Verbannung abgefunden habe, dass er aber keine Glocke hören könne, betrübe ihn sehr.

Die Glocke wird auch weiterhin eng mit der Botschaft Jesu Christi verbunden bleiben. Mögen die Klänge, welche diese Botschaft verkünden, auch weiterhin die Seele der Menschen erreichen. Dann werden Glocken auch in den nächsten Jahrhunderten läuten, solange die Menschen ihre Klänge zu deuten verstehen.

Alle Glocken, ob groß oder klein, haben den gemeinsamen Zweck, von ihrer hohen Warte hinauszurufen: „Sursum corda – empor die Herzen.“

Text: Walter Huppertz
Quellen:
Dr. Eberhard Nikitsch von der Akademie der Wissenschaften u. Literatur, Mainz – Niederburger Pfarrchronik – Glockenfotos: Edgar Menne